Ein Käfig voller Narren: Faschings-Rhetorik in verschiedenen Städten

Geschrieben am 11. Februar 2010 in Allgemein

Während sich die Abendzeitung in einem stichelnden Artikel fragt, ob der Karneval in Berlin oder Köln stattfindet und damit auf das Steuersenkungsdesaster der Bundesregierung anspielt, beschäftigt sich dieser Artikel mit der Rhetorik der fünften Jahreszeit: Wenn Düsseldorf, Köln und Mainz Karneval und Fasching feiern, herrscht auch rhetorisch Ausnahmebetrieb. Verbal-Akrobatik in einer ausgeflippten Jahreszeit: Wo liegen die Unterschiede in diesen Städten?

Nicht in Berlin zu finden ist während der närrischen Zeit NRWs Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). Der spielt im Aachener Karnevalsverein nämlich den 60. Ritter des Ordens, schmettert unpolitische Büttenreden und zeigt seine närrische Seite. Politik hat in der fünften Jahreszeit ungefähr genauso viel zu suchen wie Karneval in den anderen vier Jahreszeiten im Bundestag. “Alaaf und Helau” wird nicht nur ein Ausruf Rüttgers sein; ganz Köln wird sich daran beteiligen. In Düsseldorf steht Karneval heuer unter dem meines Erachtens gut gewählten Motto “Jeck, we can” – kreativ, an Aktuelles geklammert, unterhaltsam. Und auch in Mainz sind die Jecken unterwegs.

Kamelle, Kölle Alaaf, Helau …

Interessant sind die Wortherkünfte von “Fasching” und “Karneval”. Ersteres gibt es seit dem 13. Jahrhundert und leitet sich von “Fastenschank” ab – heißt: Zu Beginn der einst strengen Fastnacht war der Fasching sozusagen der “letzte Ausschank”. In Teilen von Bayern und Österreich, in Sachsen und in Brandenburg spricht man von Fasching. “Karneval” ist eher im Rheinischen gängig und bezieht sich wieder auf die Fastenzeit mit der “Fleischwegphase”. Man könnte “carne vale” aus dem Lateinischen mit “Fleisch, lebe wohl” übersetzen. (Quelle: Wikipedia)

De Zoch kütt: “Kamelle, Strüßjer, Bützje …”

Der Kölner Karneval beginnt mit dem 11.11. um 11:11 Uhr und nach einigen ruhigeren Wochen wird ab Weiberfastnacht (der Donnerstag vor Aschermittwoch) nur noch gefeiert. Neben dem Rosenmontagsumzug gibt es Karnevalssitzungen und Bälle, an denen Büttenreden geschwungen werden, die ihre ganz eigene Rhetorik innehaben: Der Dialekt muss stimmen, pointiert muss das Gesagte sein und zwischendurch immer mal wieder zum Schunkeln anregen. Wer “Kölle Alaaf!” schreit, gehört einfach mit dazu.

Aus Düsseldorf dürfte der Rosenmontagsumzug vielen aus dem TV bekannt sein – als einer der größten Deutschlands wird er gerne übertragen. In Düsseldorf wird “Helau” zum Gruß gerufen – wieder eine Tradition, die die Kölner und Düsseldorfer trennt. In traditionellem Brauchtum geht die Stadt Düsseldorf einem Ritual nach und läutet ebenfalls am 11.11. um 11:11 Uhr den Karneval ein.

Meenzer Fassenacht und Helau

Auch Mainz gehört zu den Faschingshochburgen schlechthin. Der Mainzer Rosenmontagszug erfreut sich hierzulande größter Beliebtheit; nicht zuletzt deshalb, weil es in Mainz Tradition ist, eine Militärparodie als Straßenfestzug vorzuführen. Auch Mainz feiert mit dem Schlachtruf “Helau” und neben “Meenzer Fassenacht” spricht der Mainzer auch von der “Määnzer Fassenacht”; der Nicht-Ortskundige schlichtweg von der “Mainzer Fastnacht”. Mainz ist politischer als andere Traditions-Faschings-Städte; die Büttenreden sind hier eine Parodie auf aktuelle oder vergangene Geschehnisse in der Politik.

Karnevals-Reden

Die närrische Zeit bringt, wie bereits erwähnt, eine interessante Rhetorik mit sich. Es gibt Regeln für die Büttenreden, die auch auf die Rhetorik in den restlichen vier Jahreszeiten geeignet sind; Sie werden sicher erkennen, welche der folgenden Büttenredentipps ausschließlich für den Karneval geeignet sind:

  • Einzigartigkeit: Achten Sie darauf, einzigartig zu sprechen; das betrifft sowohl den Inhalt als auch Ihre verbale und nonverbale Rhetorik.
  • Versetzen Sie Ihre Rede mit Höhenpunkten. Dafür können Sie andere Redner beobachten und lernen, wie der Aufbau dieser Reden gehalten ist.
  • Auch von negativen Beispielen können Sie lernen: Schauen Sie sich an, wie man es nicht macht.
  • Zwischen spritzig-witzig und drastisch-derb sei Ihnen alles gestattet: Nehmen Sie Alltägliches, Menschliches, Klischee-besetztes und Aktuelles als Thema, greifen Sie aber nie unter die Gürtellinie.
  • Verwenden Sie Namen und Berufe in Ihrer Rede; so wirkt sie greifbarer.
  • Reimen Sie – und zwar gerne auch mit Kehrreimen. Das sonst weniger beliebte “als wie” wirkt in Ihrer Büttenrede sehr passend.
  • Übertreiben Sie, wo Sie nur können. In Ihrer Gestik, in Ihrer Wortwahl, in Ihrer Betonung und in Ihren Inhalten.

Wo auch immer Sie Karneval oder Fasching feiern: Ich wünsche Ihnen eine herrlich närrische Zeit mit vielen unterhaltsamen Reden, buntem Programm – und womöglich einem eigenen erfolgreichen Auftritt.

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