Politisches Urgestein mit großer, aber wechselhafter Rhetorik: Abschied von Lafontaine
Geschrieben am 2. Februar 2010 in Allgemein
Oskar Lafontaine: Eines der großen Gesichter der deutschen Politik verabschiedet sich. Früher SPD-Karriere und als es dort nicht mehr so recht klappen sollte – man denke nur an die Schröder-Lafontaine-Ära – Linken-Partei-Karriere. War er nicht zum Schluss das Gesicht der Linken? Und stahl er Gysi nicht ein wenig die Show? Auf jeden Fall hat er angekündigt, dass er sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückziehen wird. Mal sehen, ob die Gesundheit beziehungsweise die Krankheit Oskar Lafontaine und somit seinen Rückzug dominiert. Fakt ist: Mit Lafontaine verschwindet ein politisches Urgestein von der Bildfläche, welches sich nicht nur in entsprechenden Situationen neu erfunden hat, sondern dem es in seiner verbalen und nonverbalen Rhetorik immer wieder gelang, den richtigen Ton zu finden, mit der richtigen Geste das richtige Zeichen zu setzen. Kurz: Selbstbewusst, aber nie mit dem Kopf durch die Wand. Eigen, aber nie störrisch; eher sehr diplomatisch:
- Seine Mundwinkel oft von einem leicht ironischen Lächeln umspielt,
- seine Sitzposition entspannt,
- wenn er gelauscht hat, sein Kopf aufnahmefähig nickend.
Dieses Bild gab Oskar Lafontaine sehr häufig ab. Wenn er selbst sprach, redete er mit einem Selbstbewusstsein, was bei einigen den Eindruck gewisser Arroganz zuließ. Auf die “Kopf-durch-die-Wand”-Rhetorik verzichtete er, lieber “beschmunzelte” der Linke sein Gegenüber. Aufgrund seiner gesundheitlichen Lage – Krebs; ein “Warnschuss, den ich nicht mehr ignorieren kann” (Süddeutsche Zeitung) – wird Lafontaine sein Bundesmandat zurückgeben und nicht mehr als Parteivorsitzender der Linken agieren.
Oskar Lafontaine war – nicht zuletzt aufgrund seiner starken Rhetorik – eine Schlüsselfigur der Linken allgemein. Nun ist die Frage, ob Lafontaines Schatten groß genug für die Linke ist oder ob die kommenden Wahlen so dramatisch ausfallen werden, wie allgemein angenommen wird. Kann der Verlust dieses großen Rhetorikers die Linken in die Tiefen stürzen?
Lafontaine ist schon einmal abgetreten. Durch ein Messerattentat und der verlorenen Bundestagswahl 1990 (ausführlicher nachzulesen bei Wikipedia) lehnte er den SPD-Vorsitz ab. Neun Jahre später verließ er weiter die Posten als Finanzminister und SPD-Vorsitzender – und verblüffte damit die eigene Partei und die Wählerschaft gleichermaßen. Der Grund: Seine Meinung wurde nicht anerkannt. Er wollte den Finanzmarkt regulieren, die SPD zog nicht mit. Konsequenz und Klarheit vertrat Lafontaine also nicht nur in seiner Rhetorik, sondern er ließ auch Taten folgen. Seine Art zurückzutreten war spektakulär bis provokant: Tagelang tauchte er einfach ins Nirwana ab. Hinterließ nur eine kurze Nachricht an den damaligen Bundeskanzler Schröder. Die Folge: Niemand wusste etwas über Lafontaines Verbleib zu sagen – sicher nicht sonderlich Image-fördernd für die SPD.
Vor seinem Geständnis, dass er, Lafontaine, an Krebs leide, fuhr er die Tour von Anfang der 90er und schwieg. Die Folge: Verstörung, teilweise Zorn – auch bei den Parteimitgliedern. Die Medien unterstellten ihm diverse Affären; Hans Peter Schütz fand in diesem Stern-Beitrag aber wohl die richtigen Worte: “Muss das Oskar Lafontaine verantworten, weil er zu lange geschwiegen hat, wie es wirklich um ihn steht? Nein. Er verdient unser Mitleid in einem rücksichtslosen medialen Umfeld und unsere Sympathie. Dem Menschen Lafontaine wünschen wir viel Glück am kommenden Donnerstag, dem Tag seiner Operation.”
Mit “Der Putsch des Oskar Lafontaine” betitelte RP-Online 1995 das spektakuläre Comeback Lafontaines. Mit einer Rede – sonst nichts, ausschließlich durch seine Rhetorik – schaffte es Lafontaine, die Mehrheitsverhältnisse auf dem Parteitag zu ändern. Aus welcher Sparte Lafontaine kommt, bemerkt man: Als Physiker fragt er nicht nach dem Weg, sondern nach dem Ergebnis – ähnlich wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Eine Mischung aus großem Ego, der Frage nach dem Ergebnis und rhetorischer Brillanz haben Lafontaine an die Spitze der Linkspartei getrieben – und dort hinterlässt er nun eine Lücke, eine große Lücke, die den Linken schaden könnte und – wie Experten sogar aus den parteieigenen Reihen vermuten – auch schaden wird. Lafontaine verstand es, sich selbst zu inszenieren, nicht zuletzt durch Widersprüche, durch Ideologien und durch Populismus. Hinter dieser Maskerade steckt aber ein Realist. Ein Mann, der weiß, wofür er steht. Ein Machtinhaber, der Fingerspitzengefühl beweist – oft zum Verblüffen anderer, aber das mit Strategie. Ein Gespür für die richtige Zeit und die dafür richtige Rhetorik zeichnen Lafontaine.
Das bewies er, als Schröder im Jahre 2005 der Niederlage in der Bundestagswahl nahe war: Lafontaine brachte die Fusion der WASG (Arbeit & soziale Gerechtigkeit – die Wahlalternative) und PDS zur Linkspartei voran und kehrte aufs politische Parkett zurück. Was ist seither passiert? Die Linkspartei konnte in sechs westdeutsche Landtage einziehen und schneidet in Bundestagswahlen mit Spitzenergebnissen ab.
Oskar Lafontaine: Ein politisches Urgestein, ohne den die Linke heute nicht wäre, was sie ist, zieht sich aus der Bundespolitik zurück. Ein weiterer Rhetoriker geht damit seinen Weg außerhalb der großen politischen Bühnen – für die Linke ein tiefer Schnitt. Wer kommt danach? Es sind bereits einige in Diskussion. Aber ein Lafontaine, da sind sich die Parteimitglieder einig, kann nicht ersetzt werden – mag man zu seinen Äußerungen, seinen Handlungen und seiner Art stehen wie man will: Rhetorisch hat er geglänzt und auch damit die Politik Deutschlands mitgeprägt.





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