Schlagfertigkeit will gelernt sein. Oder?
Geschrieben am 20. August 2009 in Allgemein
Ich sitze im Publikum. Beobachte den Redner. Der verhaspelt sich auf geradezu beeindruckende Weise – die Nervosität steht ihm ins Gesicht geschrieben. Zusammen mit seinem Ärmel demonstriert er, wie man das Wasserglas auf ungünstigste Weise herunterschmeißen kann: Klirr – ansonsten Stille. Einer hustet. Der Redner versucht es mit Humor: “Wie gesagt, Vorträge müssen flüssig sein…” Verhaltene Schmunzler, viele Augenroller. Glaube, die haben sich schon etwas mit Rhetorik beschäftigt. Das mit dem flüssigen Vortrag kenne ich aus vielen Schlagfertigkeits-Büchern. Einen Patzer mit einem Lacher auffangen? Kann funktionieren, aber nur, wenn der Redner keine vorgegebenen, abgenutzten Sprüche an seinen Zuhörern testet, sondern locker wird.
Schlagfertigkeit will gelernt sein, bestätigt auch Dr. Anna Martini, die weiter feststellt, dass das Lesen eines Buches zwar hilfreich sein kann, dass es aber mehr bedarf. Es stellt sich doch die Frage: Ist es möglich, zu lernen, auf eine spontane Situation ein geistiges Feuerwerk guter Konter abzufeuern?
Ausholen zum Schlag! Aber warum?
Schlagfertigkeit ließe sich auch mit „Durchsetzungsvermögen“ übersetzen. Sprachlosigkeit ist peinlich, sie lässt einen klein wirken, macht nichts her. Es gehört schon einiges dazu, wirklich schlagfertig zu reagieren! Über sich selbst lachen können und dabei originell sein – ist sowas nicht eher angeboren?
Klar, es kommt auf den Menschentypen an; der eine kann humorvoll rumwitzeln und kleine Spitzen werden als Schlagfertigkeit gedeutet. Der extrovertierte Schlagfertigkeitskünstler scheint keine Probleme damit zu haben, ein spontanes Fest der Selbstironie zu feiern. Andere hingegen verfallen in einen schockähnlichen Geisteszustand. Meist können Menschen, deren Umwelt sich als debattierfreudig und diskussionsbereit entpuppt, selbst recht locker kontern. Wem das nicht gelingt, der sollte zunächst nach seinen Motiven fragen, die den Wunsch nach Schlagfertigkeit auslösen, rät Dr. Martini: Wollen Sie sich nicht mehr klein und unterlegen fühlen? Wollen Sie mehr Respekt erfahren? Grenzen verdeutlichen? Souveränität ausstrahlen? Wie wollen Sie in einer konkreten Situation reagieren?
Wie kann Schlagfertigkeit wirklich trainiert werden?
Locker machen, werte Leser/innen! Das ist wohl die wichtigste Regel. Seien Sie authentisch! Legen Sie sich selbst keine Phrasen auf á la: “Wenn mich jemand so angreift, reagiere ich so. Stand in dem Buch mit dem wichtig klingenden Titel ‘Mach’s schlagfertig, mach’s erfolgreich!’” Gelernte Phrasen bringen Unwohlsein – das spürt Ihr Gegenüber. Sinnvoller ist es, genau entsprechende Situationen zu analysieren: Was hat Sie sprachlos werden lassen? Die Worte des Gegenübers? Die Anwesenheit anderer? Angst vor Abwertung? Vielleicht auch Neid? Warum jemand sprachlos wird, hat individuelle Ursachen und kann nicht pauschal beantwortet werden. Aber das Ergebnis dieser intensiven Selbstanalyse hilft, Abstand zur Situation zu gewinnen, um aus allen Richtungen zu beleuchten. Daraus folgend kann man die Situation auflockern und das nächste Mal, wenn die nötige Übung vorhanden ist, lässt sich spontan reagieren.
Die Sprachlosigkeit erfolgt meist durch empfundene Provokation. Alles, was Ihnen an Wörtern entgegenkommt, sind letztlich wirklich nur Wörter. Können Worte von wahrscheinlich relativ fremden Personen Sie wirklich derartig blockieren? Wollen Sie Ihre Wertigkeit durch die Bosheit anderer herunterspielen lassen? Denken Sie bitte an die Worte des Psychologen Friedemann Schulz von Thun, der sagte: “Ratsamer ist es, die Flegelei als Ausdruck der Persönlichkeit meines Gegenübers aufzufassen: Der ist aggressiv, hilflos oder gewollt lustig.”
Sie sehen: Durch heiteres Phrasen-Lernen können Sie keine Geistesblitz-Maschine aus sich machen. Der erste Schritt aber, den auch Sie in Sachen Schlagfertigkeit lernen können, ist pure Gelassenheit. Erlauben Sie Ihrem Gegenüber, dass es sagen kann, was es sagen will, und erlauben Sie sich, das auch zu können, indem Sie dem Spieß umdrehen. Sehen Sie’s gelassen – Sie müssen die Meinung nicht teilen. Bewahren Sie einen kühlen Kopf; der wichtigste Schritt dafür: Beziehen Sie einen Vorwurf nie auf sich und lenken Sie auf ein “neutral-feindliches” Thema ab. Soll heißen: Kontern Sie, aber schlagen Sie nicht unter die Gürtellinie. Erwarten dürfen Sie dasselbe natürlich auch von Ihrem Gegenüber – wenn es schlagfertig ist.
Beispiele aus der Praxis
Frau Dr. Anna Martini gibt drei Praxisbeispiele, wie in verschiedenen Situationen von ganz unterschiedlichen Menschen Schlagfertigkeit gekonnt angewandt wird:
- “Stutenbissigkeit” unter Kolleginnen: Frau Klein trägt heute ein grasgrünes Kleid, Kollegin Schmitz ein blaues. Frau Schmitz zu Frau Klein: “Grasgrün trägt doch nun wirklich jeder!” – und das vor anwesenden Kollegen. Frau Klein weiß, dass sie mit Körpersprache und Worten kontern kann, setzt den Hauch eines Lächelns auf und sagt: “Grasgrün ist eben nicht blaumannsblau.” Frau Schmitz ist daraufhin sprachlos; ein gelungenes Konter.
- Während Mark Twain meinte: “Schlagfertigkeit ist etwas, worauf man erst 24 Stunden später kommt”, weiß der 13-jährige Sohn von Dr. Martini, der weiß, dass Schlagfertigkeit schon auf dem Schulhof gebraucht wird: “Schlagfertigkeit ist, sich intelligent zu verteidigen, indem man den anderen leicht bloßstellt, ohne ihn persönlich anzugreifen.” Recht hat er; ein direkter Angriff ist einfach daneben.
- Ein zur aktuellen Krise passendes Beispiel: Bauunternehmer Müller wird von seinem Konkurrenten Bauunternehmer Meier begrüßt: “Hallo Herr Müller, ich habe gehört, dass Sie Ihre Handwerker nicht bezahlen.” Und das vor anderen Anwesenden auf einem Branchentreffen! Herr Müller weiß aber, dass diese Behauptung aus der Luft gegriffen ist, und hakt nach: “Hat die Bank Ihre Kredite gesperrt oder laufen Ihnen die Kunden weg?”





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