Trauer & Rhetorik: Stimme spiegelt Befindlichkeit wider
Geschrieben am 20. November 2009 in Allgemein
Der Freitod von Robert Enke hat vergangene Woche die Republik erschüttert. Die Medien sind zu allgemeiner Trauer-Rhetorik übergegangen; auch in der Beschreibung der Statements, die Enkes Umfeld gegeben hat. So berichtet beispielsweise die Stuttgarter Zeitung in ihrer Online-Ausgabe am 11. November, dass der DFB das Länderspiel gegen Chile abgesagt hat. Eingeleitet wird der Artikel mit dem bewegenden Bild eines trauernden Oliver Bierhoffs und eines verzweifelt, aber bedingungslos schauenden Theo Zwanziger, dem DFB-Präsidenten. Dieser äußert, die Absage des Spiels sei „alternativlos“, verwendet also selbst eine absolute Rhetorik, die keinen Widerspruch duldet.
In der Printausgabe der Stuttgarter Nachrichten, ebenfalls vom 11. November, fand ich folgende Textpassagen:
Auf Seite 31 wird im Sportteil der Zeitung geäußert: „Bierhoffs Tränen: Der Nationalmannschaftsmanager konnte bei der emotionalen Pressekonferenz … die Tränen nicht zurückhalten und sagte mit schluchzender Stimme: ‚So wie ich mich jetzt fühle, fühlen sich auch die Spieler …‘“ Die Stuttgarter Zeitung setzt auf das Widerspiegeln der Befindlichkeit in der Stimme, beschreibt mit „emotional“ und „schluchzend“ einen verzweifelt wirkenden Bierhoff. Er selbst setzt auf Gefühle, Emotionen und Gemeinschaft: Er fühlt, wie die Spieler fühlen.
Weiter unten findet sich die Passage: „‘Wir müssen auch einmal innehalten können‘, erklärte der Verbandschef tief bewegt. Das grausame Schicksal von Robert Enke hat den gesamten deutschen Fußball bis ins Mark erschüttert und tief bewegt.“ Der Redakteur der Stuttgarter Zeitung setzt die rhetorische Verstärkung ein. In meinem Buch „Tritt frisch auf. Tu´s Maul auf!” erfahren Sie mehr über diese Art der rhetorischen Wendung. Die Botschaft – Grausamkeit, Schicksal, Erschütterung – wird mithilfe der Verstärkung in den Kopf des Lesers „gepflanzt“.
Auf Seite 3 der Stuttgarter Zeitung werden Enkes Frau Teresa Enke und sein Psychiater Valentin Markser zitiert – bei Teresa Enke wieder mit ausschmückenden Verstärkern als rhetorisches Mittel: “Ich habe gedacht, wir schaffen das, ich habe gedacht mit Liebe geht alles”, sagt Teresa Enke. Sie hat den Blick gesenkt, die Stimme ist brüchig. „Aber man schafft es eben doch nicht immer.” Teresa Enkes Gefühle – Trauer, Verzweiflung, Nicht-Weiter-Wissen – werden von der Stuttgarter Zeitung untermalt. Sie ist die Frau des sich in den Suizid gestürzten Enke; sie kann gar nicht neutral auf diesen Schock reagieren, dafür sorgen natürlich ihre eigene Rhetorik (inklusive Körpersprache und Stimme, also die verbalen und nonverbalen Aspekte), aber auch die Redaktion der Stuttgarter Zeitung.
Der vermeintlich als Psychologe bezeichnete, behandelnde Arzt Markser verhält sich neutral – er redet von man und wir und auch die Presse fügt Marksers Aussagen keine rhetorischen Verstärkungen bei! “Im Nachhinein”, sagt Markser, “kann man sagen, dass er sehr gute Abwehrmechanismen entwickelt hat, sodass wir die Gefährdung nicht bemerkt haben.” Um einen kühlen Mediziner, einen Wissenschaftler, einen Arzt, zu zitieren, muss nichts ausgeschmückt werden; hier kann die ohnehin von Markser genutzte Neutralität beibehalten werden, um einen wissenschaftlichen Aspekt in die emotionale Angelegenheit zu bringen.
„Vermeintlich als Psychologe bezeichnet“ übrigens deshalb, weil es sich bei Dr. med. Valentin Z. Markser um einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie handelt. Das zeigt unter anderem ein Brancheneintrag, wenn Sie Markser googeln, werden Sie weitere finden, die das belegen. Die Stuttgarter Zeitung hat bei Markser leider die Fachkompetenzen etwas durcheinander gerüttelt: Das Verhältnis von der Psychologie zur Psychotherapie und Psychoanalyse zeigt dieser Wikipedia-Artikel ganz gut auf. Der Psychologe arbeitet das Erleben und Verhalten eines Menschen auf, der Psychiater beschäftigt sich mit Geist und Seele des Menschen, wozu auch die Diagnose gehört, die unter Umständen auf körperliche Ursachen stoßen kann.
Robert Enke hat den Freitod gewählt. Die Erschütterung der Republik, die durch die Medien impliziert wird, hat sicher tatsächlich auch stattgefunden; verstärkt allerdings durch die Rhetorik der Medien. Die Financial Times Deutschland (FTD) macht hier keine Ausnahme: Während Teresa Enke „einen bewegenden Einblick in ihr Privatleben“ gab, kam auch Valentin Markser zu Wort und „sprach über den Freitod“. Dieselbe Rhetorik wie bei der Stuttgarter Zeitung: Teresa Enke „bewegt“, Markser „spricht“. Und auch die FTD arbeitet nicht nur mit Verstärkern in der Sprache, sondern auch mit Bildern: Eingeleitet wird der Artikel mit dem Bild einer trauernden Teresa Enke.





1 Kommentare
Neuen Kommentar schreiben1. Dieter Großbaum | 20. November 2009 | 16:32
Ein sehr aufschlussreicher Artikel, vielen Dank!