TV-Duell: Rhetorische Katastrophe
Geschrieben am 16. September 2009 in Allgemein
Sonntagabend, ein gemütlicher Platz auf der Couch und die Flimmerkiste läuft. Neben mir ein Block und ein Stift – ich will mir das TV-Duell zwischen Merkel (CDU) und Steinmeier (SPD) zu Gemüte führen und Auffälligkeiten notieren. Es ist Wahlkampfzeit; und zwar in seiner Endphase – schon in gut zwei Wochen bekommt Deutschland einen neuen oder alten Kanzler. Ich erwarte das Beste von beiden Seiten. Bin gespannt, wer punkten wird. Politiker sollten – wie Führungskräfte, was sie in gewisser Hinsicht sind – rhetorisch überzeugen; und zwar in ihrer kompletten Rhetorik: Stimme, Sprache, Körpersprache – na ja, unter uns gesagt: Auch der Inhalt ist mir natürlich wichtig. Kaum hat es angefangen, stellt sich bei mir Ernüchterung ein: Was mir hier geboten wird, ist wahrlich kein rhetorischer Quatensprung. Nicht mal annähernd. Um ehrlich zu sein, ist das eine rhetorische Katastrophe!
Konjunktiv als Merkels Liebling …
Frau Angela Merkel hat es geschafft, ihren neutralen Standpunkt fest zu vertreten. Heißt: Mit ausweichender Reaktion auf die ihr gestellten Fragen hat sie einen rhetorischen Hindernislauf um die eigentlichen Kernaussagen geschafft; die Hindernisse, denen sie geschickt ausweichen konnte, waren die Antworten, die die Wähler interessiert hätten. Lobhudeleien hageln auf die große Koalition hernieder, bis die Moderation irgendwann von einem “Duett statt Duell” redete.
Frau Merkel redet – wenn sie ihren Gegner attackiert – eher über ihn, als mit ihm; steht dabei aber frei und offen; ähnlich dem Vorbild Obama. Gemischt mit einigen unsicheren “Äh’s” und “Ehm’s” macht sie verständlicher Weise die Moderation immer wieder darauf aufmerksam, dass sie gerne ausreden wolle – ein Punkt, in dem sie klar Stellung bezieht, was auch ihr gutes Recht sein sollte. Als die Rede auf die Krise kommt, redet sie von “den einfachen Menschen” im Kontrast zum Manager – fühlt sich einer ihrer Wähler tatsächlich als “einfacher Mensch” angesprochen?
Zugute halten muss ich Frau Merkel, dass sie wenigstens versucht, mit dem Wähler in Dialog zu gehen: Sie spricht “die Zuschauer”, wie sie sagt, an und nimmt sie damit ins Gespräch, um aber anschließend wieder in der Neutralität zu versinken. Als die Frage über Gerechtigkeit innerhalb Deutschlands kommt, wird Frau Merkel ganz konkret danach gefragt, ob sie meine, in Deutschland gehe es gerecht zu. Ihre Antwort ist ein Paradebeispiel für ihr Geschick, auf konkrete Stellungnahmen zu verzichten: Sie meint, dass “im internationalen Vergleich viel Gerechtigkeit in Deutschland da ist.” Das war nicht die Frage. Daneben weicht sie mit der Nutzung des Konjunktivs aus: Als wolle sie als “Everybody’s Darling” niemanden verletzen, könnte man die Politik hier noch verbessern und dort wäre noch eine Änderung angebracht. Insgesamt könnte viel geschafft werden, wenn man anpacken würde.
Frau Merkel fasst häufig das ohnehin Sichtbare in Worte und beginnt mehrere Sätze mit “Ich sage …” – eine unnötige Feststellung, denn natürlich sagt sie gerade etwas. Mit schwammigen Phrasen “glaubt”, “hofft” und “wünscht” sie sich “sicherlich” eine Besserung und teilt ordentlich in Gruppierungen ein: Bei der Bevölkerungsgruppe, die auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, spricht sie von “diesen Menschen”, anstatt auf das Wort “Bedürftige” oder “Empfangsberechtigte” zu kommen. Auch die Phrase “bestimmte Menschen” und ihr Lieblingswort “unterschiedliche” fallen häufig.
Steinmeier als Garant bei Horrorszenarien
Ein väterliches Lächeln, fast schon behäbig wirkend, ein Kopfnicken und der direkte Bezug zur Moderation, indem er häufig die Namen der Fragestellenden erwähnt: So präsentierte sich Gegenkandidat Steinmeier von der SPD, der auch eher mit als gegen Merkel argumentiert hat. Die Ungenauigkeit von Merkel scheint er innerhalb der vergangenen vier Jahre gut verinnerlicht zu haben: Er “will” für etwas sorgen. Ich bin mir sicher, dem Wähler wäre es lieber – mir zumindest – wenn er “für etwas sorgt”. Das klingt konkreter, das klingt stark. Aber der Wille … Nun ja, das erinnert mich leicht an die unschöne Formulierung im Arbeitszeugnis: “Er bemühte sich …”.
Steinmeier muss mehrere Male daran erinnert werden, was die eigentliche Frage war; er geht allerdings gar nicht darauf ein und auch Unterbrechungen beachtet er nicht, wie es seine Kontrahentin macht. In seiner Gestik erkennt der Zuschauer, wenn ihm Fragen unangenehm sind: Stützt sich Steinmeier gängiger Weise auf seinem Rednerpult ab (ähnlich McCain im US-Wahlkampf), verschrenkt er in solchen Momenten die Arme vor der Brust. Nie aber blickt er direkt ins Publikum; in diesem Fall die Kamera; es erscheint mir fast, als wisse er gar nicht, wo die Kamera steht.
Auch zu Herrn Steinmeier sollte ich etwas Gutes vermerken: Ihm gelingt es, mit Frau Merkel zu reden, anstatt über sie. Das fällt positiv auf – und sorgt dafür, dass er in genau diesen Momenten etwas überlegen wirkt. Allerdings verwischt er diese Überlegenheit mit etwas, was ebenfalls besonders bei ihm auffällt: Steinmeier “garantiert” Horrorszenarien, “will” aber nur mit seiner Politik soziale Gerechtigkeit schaffen. Heißt: Als es um Mindestlöhne geht, “garantiert” Steinmeier, dass die Gehaltsschraube weiter nach unten geht, wenn keine Mindestlöhne eingeführt werden, er “will” aber soziale Gerechtigkeit. Andersrum wäre es kraftvoller; etwa mit: “Ich will nicht, dass die Gehaltsschraube weiter nach unten geht, und garantiere, dass dem nicht so ist, wenn wir Mindestlöhne einführen.”
Merkel und Steinmeier: Rhetorikkünstler klingen anders
Ich will nicht bösartig klingen, aber ich halte es für eine Tatsache, dass die besten Rhetoriker wohl die Moderatoren waren. Kein Wunder: Moderatoren nehmen regelmäßig an Rhetorik-Trainings teil, wobei ich mir sicher bin, dass auch Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier gecoacht werden.
Ich hätte mir seitens Steinmeier einen besseren Kampf gewünscht. Er ist Herausforderer. Merkel halte ich zugute, dass sie präsenter war. Aber: Teilweise einstudiert aufgesetzt. Wie ein abblockender Torwart dagegen wirkte Steinmeier, der die Bälle eben weniger annahm, sondern eher abblockte. Und, mal ehrlich, ein kleines, charmantes Lächeln hätte Herrn Steinmeier sicher nicht wehgetan. In seinem Schlusswort hätte einmal die Erwähnung der Atomenergie gereicht. Rhetorisch konnte Merkel dabei punkten, allerdings war ihre Körpersprache konträr ihrer Aussagen. Sie fand nicht statt. Außerdem wirkt ein Schlusswort, der einem Wahlwerbespot gleicht, nicht locker und spontan genug.
Ich will die Moderation aber keinesfalls ungeschoren davonkommen lassen: Insbesondere Herr Plasberg hätte nicht krampfhaft versuchen müssen, aus dem Miteinander ein Gegeneinander zu machen. Die beiden “Kontrahenten” haben wohl eher auf gegenseitiges Schulterklopfen gesetzt und der latent aggressive Versuch, ein Duell daraus werden zu lassen, scheiterte. Auch die Kameraführung liegt in meiner Kritik: Es wurde nicht einmal der ganze Mensch gezeigt.
Mein Fazit des TV-Duells: Eine rhetorische Katastrophe. Ich habe mir mehr erwartet – und bin gespannt auf Ihre Ansichten!





2 Kommentare
Neuen Kommentar schreiben1. Arno | 23. September 2009 | 16:36
Hallo,
ich habe das Duell auch gesehen und war genauso enttäuscht.
Nicht nur, das es den Anschein hatte, die wollten sich gar nicht duellieren, sondern auch, weil es alles auswendig gelernt klang und so keine individuellen Gespräche zustande kamen.
Frau Merkel hat mehr auf die Fragen aus ihren Gedanken geantwortet, als auf die Fragen der Moderatoren und genauso kam es von der Mimik und Gestig rüber.
Herr Steinmeier war auch nicht besser, wenn er auch etwas menschlicher rüberkam und nichts alles nach auswendig gelernt klng.
Alles im allen hätte die es sich Beide lieber sparen sollen
2. Dr. Anna Martini | 24. September 2009 | 19:10
Hallo,
vielleicht auch eine geschickte Masche beider? In Aussicht auf eine erneute große Koalition liegt der Verdacht nahe, dass das gegenseitige Attackieren negative Folgen in die Zusammenarbeit beider gebracht hätte. Was denken Sie?