… und nach der Wahl

Geschrieben am 6. Oktober 2009 in Allgemein

Die CDU und die FDP lachen miteinander, die Grüne hat ebenfalls Grund, sich zu freuen, die “Abräumer” des Abends waren wohl die FDP und die Linke – aber die SPD … Sie fährt heftige Verluste ein. So heftig, dass den beiden Rednern, Kanzler-Kandidat Frank-Walter Steinmeier und SPD-Vorsitzender Franz Müntefering, diese heftige Enttäuschung regelrecht ins Gesicht geschrieben steht. Fassungslosigkeit und Niedergeschlagenheit machen sich in der gesamten Rhetorik beider sichtbar. Während aber Steinmeier seine Bitterkeit nicht zu verbergen versucht, will Müntefering noch mal lospowern. Ein Versuch …

Als sei es die Symbolik des Abends tritt ein in schwarz gekleideter Steinmeier mit schwarzer Krawatte nach der Bekanntgabe der Ergebnisse der Bundestagswahl auf die Bühne, gefolgt von einem Franz Müntefering mit schrill-roter und unpassend wirkender Krawatte. Steinmeier stützt sich enttäuscht auf sein Rednerpult, muss zwischenzeitlich seine Hand sogar in der Hosentasche verstecken. Der bittere Blick geht auf einen Spaziergang ins Leere. Mal in Richtung Publikum, mal in Richtung Rednerpult blickend, aber voll Bitterkeit. Und dann: “Ich will meinen Beitrag leisten, die SPD zur alten Stärke zu führen – auch als Oppositionsführer im Deutschen Bundestag.” Anschließend ein kräftigerer, anwesender Blick in die Runde, die in Jubelstürme ausbricht. Steinmeier dankt dem kompletten Wahlkampfteam und seinen Wählern für die Unterstützung, die zwar nicht gereicht hat, die aber vielleicht neu motiviert. Hier kam der Punkt der Rede, an dem man es hätte belassen sollen. Genauso wäre es gut gewesen; Steinmeier hatte sich aufgerafft, hat sich von der Jubelstimmung seiner begeisterten Anhänger wieder etwas auffangen lassen, lächelt zwar bitter, lächelt aber. Bereit zu neuen Taten, gefüttert mit neuer Motivation – das wäre es gewesen.

Und dann kam Müntefering dran. Mit leuchtend roter Krawatte und nicht mehr bitterer, sondern bitterböser Miene, unterstützt aber in seinen Worten Steinmeier als Oppositionsführer. Bekräftigend unterstrich er, Parteivorsitzender zu bleiben. Sein Gesicht mochte nicht zu seinen Worten und seiner Gestik passen: Die Hände ineinander gelegt und über seinem Kopf platziert, scheint eine solche Sieger-Geste in diesem Moment unangebracht zu sein. Am heutigen Tage dann noch eine Überraschung: Müntefering entschließt sich, die roten Koffer zu packen und wird voraussichtlich in zwei Wochen Abschied als Parteivorsitzender von der SPD nehmen, wie unter anderem rundschau-online.de beschreibt.

Kämpferisch und hart wie Stahl – zumindest in ihren Worten – wendet sich Renate Künast, Die Grünen, an ihre Wähler; neben ihr ein mehr oder minder starker, wohl eher ein schwankender, Jürgen Trittin. Zwar hat die Partei Stimmen gewonnen – aber mehr auch nicht, denn eine Regierungsbeteiligung erscheint erst mal ausgeschlossen. Ein stürmisches “Herzlichen Glückwunsch zum besten Wahlergebnis, das die Grünen in ihrer Geschichte jemals hatten”, pfeift Künast heraus – verkrampft dabei die Hände und der genaue Beobachter sieht, was sie wohl gerne sagen würde: Wir können nicht mitregieren. Zwar haben wir unser bislang bestes Ergebnis, aber das nutzt uns nichts. Ob Claudia Roths ebenfalls kämpferisch wirkender Ausspruch, “Aber wer, wenn nicht Schwarz-Gelb, hat eine starke Opposition verdient. Und die werden sie jetzt bekommen: Mit Knallgrün.”, die eigentliche Enttäuschung wettmachen kann, ist fraglich. Mit knallgrün in den Bundestag – als schwächste Partei ohne Rückenwind.

Triumphal dagegen ging es bei den Linken und der FDP zu; und das zeigte sich in der gesamten Rhetorik der Parteien: Siegergesten und Jubelschreie wechselten sich mit hoch motivierten – nicht motivierenden! – Worten ab. Auch Angela Merkel (CDU) hat Grund zu jubeln. Sie ist alte und neue Kanzlerin und sie strahlt in ihrer Körpersprache bei ihrer Rede. Okay, die CDU kann nicht mit vielen Prozenten glänzen; auch hier gingen – wie bei der SPD – viele Stimmen an die Gruppierung der Nichtwähler, an die Grünen, die FDP und an die Linke. Das scheint Merkel aber in ihrem Glanz gerade wenig zu tangieren; sie ist die alte neue Kanzlerin und strahlt das aus. Als sie bei ihrer Ansprache andeutet, nun müsse an den kommenden Schritten gearbeitet werden, witzelt sie charmant und steckt mit ihrer Stimmung an. Ihre Worte “merkeln” wieder: Sie möchte danken, anstatt es einfach zu tun, sie möchte sagen, anstatt etwas zu sagen, “wir wollen die Volkspartei der Mitte sein”. Ihre Aussagen sind sachlich, Merkel bricht in keine Euphorie-Stürme aus. Sie steht aufrecht, Merkels Körpersprache spricht für sie, sie gestikuliert zaghaft, was in diesem Moment genau richtig zu sein scheint. Ihre Sensibilität lässt sie erahnen, was ihr Publikum gerade erwartet – und genauso gibt sie sich bei ihrer Rede. Ob der viel zitierte Spruch “Vor der Wahl ist nach der Wahl” unter der neuen Regierung zutreffen wird, zeigt die Zeit.

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